Mittwoch, 18. Juli 2012

Dankbarkeit und keine Vergleiche

Vor ein paar Tagen sah ich einen kurzen Bericht im Fernsehen. Bin so rein gezappt. Worum es ging weiß ich nicht.
Eine ältere Frau ging am Arm einer jungen Frau. Die Frau war wohl über 70 Jahre alt. Die Stimme der Sprecherin erzählte, dass die Frau aus Osteuropa käme und seit vielen Jahren in Deutschland lebe. (So habe ich es in Erinnerung). Sie hat keine Angehörigen und ist fast immer allein.
Man sieht die alte Frau in ihrer winzigen Wohnung. Auf einem Schlafsofa. Um sich herum Bücher und viele Decken. Sie hat 150 Euro im Monat zum Leben. Das Zimmer strahlt Einsamkeit und bittere Armut aus. Aber sie fühlt sich nicht arm, sondern reich. Sie sitzt hustend auf dem Sofa. Erzählt davon, dass sie zum Glück immer Bücher hat. Dann fühlt sie sich nicht einsam. Sie hustet und hustet. Kommt aus dem Liegen kaum hoch. Sie Sprecherin erzählt, dass die Frau seit 10 Jahren Bronchialkrebs hat.
Die Frau sitzt da klein und zart auf dem Sofa und schaut in die Kamera.
 „Ich habe dem Krebs gesagt, dass wenn ich sterbe er auch stirbt. So leben wir zusammen und es geht.“ 
Und sie sagte, dass sie dankbar ist für das, was sie hat. Ein Dach über dem Kopf, ein gemütliches Bett, die Bücher und eine winzig kleine Küche. Klein, aber sie kann sich etwas kochen. Am Ende des Beitrages sieht man sie wieder mit der jungen Frau. (Altenpflege? Sie kommt jedenfalls nur selten)- Die Kamera zeigt die Rücken. Die Beiden gehen langsam auf einem Gehweg in einer Großstadt. Man hört die alte Frau sagen: „Man darf nicht vergleichen.“ Und sie sagt: „Selbst wenn ich viel Geld hätte, was sollte ich damit anfangen? Ich würde es wohl ohnehin verschenken.“

Der Film ist zu Ende und der Abspann läuft. Ich sitze auf meinem Sofa und schaue in den nächtlichen Regen.

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Nicht vergleichen. Das ist einer der zentralsten Punkte im Leben, wenn man zufrieden sein möchte. Das kommt mir immer wieder ins Bewusstsein. Leider ist die Erkenntnis wie bei vielen anderen Erkenntnissen eben ein schlüpfriges kleines Scheißerchen … 
Dabei bin ich mir sicher, dass es mein Leben erleichtern und verschönern würde, wenn ich nicht ständig mich und mein Leben mit anderen Menschen und deren Leben vergleichen würde. Bewusst und natürlich unbewusst.

Dazu wesentlich mehr Dankbarkeit… täglich… für all das Gute und das Schöne, was ich in meinem Leben - u.a. fast immer in Wohlstand - erlebt habe. Nur manchmal kann ich sehen, was es für ein Glück (bzw. Karma) ist, dass ich gesund in eine Zeit hinein geboren wurde, in die ich hineingeboren wurde. Als Frau in diese Gesellschaft. Nie habe ich Hunger gelitten oder Krieg erlebt. Dankbar, das ich ein Zuhause habe und das es Menschen gab und gibt, denen ich vertrauen kann.
Dankbar zu sein für die guten Freundschaften in meinem Leben. Der wahre Reichtum im Leben wie ich finde. Ich habe bisher immer Arbeit gehabt und mehr als ausreichend Geld verdient.
Im Grunde könnte man den ganzen Tag lang Dinge finden oder Situationen, über die man dankbar sein kann. Für Begegnungen. Weil gerade keine Schmerzen. Das der Regen die passenden 10 Minuten aufgehört hat. Das eine Freudin nachfragt, die Torte so gut schmeckt oder ein Vogel mich mit seinem abendlichen Gesang erfreut. Dankbar, dass ich meine Zeit (bis auf die Arbeitszeit) frei einteilen kann. Dankbar für P.`s kleine Hand in meiner und dankbar für das wunderbare Lachen einer Freundin. Dankbar mich über eine Stimme mitteilen zu können. Aus Erfahrung weiß ich, wie entsetzlich es ist nicht reden zu können.

Es gibt sicherlich Menschen, die sagen: „Das Leben ist kein Wunschkonzert und sich nur den guten und schönen Dingen zuzuwenden ist plattes, positives Denken. Realitätsfremd." 

Ist das Negative sehen und ständig im Kopf haben besser und vor allem hilfreicher? Wenn einer/ eine dann nicht zur Tat schreitet bzw. das „Problem“ abstellt bzw. abstellen kann, dann versuche ich weiter meinen Focus auf das Gute zu richten und mich weiter in Dankbarkeit zu üben. Da habe ich noch viel Entwicklungspotenzial *lach*

Die Hirnforschung sagt heute, dass es ein „positives“ und ein „negatives“ … Mist, jetzt fällt mir der Fachausdruck nicht ein. Also in meinem Worten… Denksystem gibt. Diese beiden sind nicht miteinander verbunden. Es liegt an mir, welche Seite ich stärken will. Je größer die eine Seite wird, desto mehr verkümmert die andere Seite. Stärke ich also mein positives Denken und meine guten Sichtweisen, dann zieht meiner Meinung nach das Gute eben weiteres Gutes an. Weil die andere Seite keine Energie mehr bekommt.

Dankbarkeit füllt die Zeit und die Wahrnehmung aus. Damit bin ich beschäftigt. Das erfüllt mein Herz mit Freude und mit innerer Offenheit. Sie legt Wärme und Erleichterung in mein Herz.

Dennoch wünschte ich mir, dass diese Frau dort auf dem Sofa irgendwo in Deutschland mehr menschlichen Kontakt hätte. Das sie mit ihren Schmerzen und der Krankheit nicht so allein wäre.

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